Geschlechtsverändernde Operationen – Menschenrechtsverletzungen in Deutschland

Wenn es um die Lage intergeschlechtlicher Personen in Europa, Nordamerika und den meisten anderen Teilen dieser Welt geht, dann muss man über geschlechtsverändernde Operationen sprechen. Denn wenn intergeschlechtliche Säuglinge zur Welt kommen, wird von Mediziner*innen in den allermeisten Fällen auf Operationen und Behandlungen gedrängt.

(von Fabian Gabriel)

*Tiggerwarnung: Dieser Artikel enthält beispielhafte Beschreibungen geschlechtsverändernder Operationen*

Die Basis dieser Behandlungspraxis findet sich in den 1950er Jahren. Damals fand das „Baltimorer Behandlungsprogramm“ von  John Money, Joan G. Hampson und John L. Hampson internationale Verbreitung. Nach den drei Autor*innen sind bei einem aus ihrer Sicht uneindeutigen Geschlecht die Genitalien mittels chirurgischen und hormonellen Behandlungen zu vereindeutigen.

Das Ziel solcher Eingriffe ist es, intergeschlechtlichen Personen möglichst früh ihrem angeblich wahren Geschlecht zuzuordnen, damit Intersex-Kinder in einer eindeutigen Geschlechterrolle als Mann oder Frau heranwachsen. Um dieses Ziel zu erreichen, finden chirurgische Eingriffe meist vor dem 18. Lebensmonat statt, da Kinder ihre Geschlechterrolle am intensivsten im Alter bis vier Jahren erlernen. Wenn das Kind keine eindeutige Geschlechtszuweisung erfahre, würde es möglicherweise keine „normale“ psychosoziale Entwicklung durchlaufen – das ist noch heute die dominierende Ansicht in der Medizin. Intergeschlechtlichkeit wird dabei von Mediziner*innen den sogenannten Sexualdifferenzierungsstörungen zugerechnet, während Inter*Verbände die Bezeichnung als Störung oder Krankheit ablehnen. Mit der Bezeichnung als „Störung“ wird deutlich, dass die Medizin die Zweigeschlechtlichkeit als biologisch gegeben und als erstrebenswerten Zustand ansieht. Entsprechend pathologisierend und bevormundend gehen Mediziner*innen mit intergeschlechtlichen Menschen um: Sie werden als Kranke angesehen, welche es zu „heilen“ gilt.

Die Realität sieht anders aus. Geschlechtsverändernde Behandlungen sind für das körperliche Wohlbefinden der Betroffenen schlicht nicht notwendig. Im Gegenteil: Sie richten oft unglaubliche physische und psychische Schäden an und übergehen das Selbstbestimmungsrecht sowie das Recht auf körperliche Unversehrtheit der Betroffenen. Die körperlichen Folgen reichen, je nach behandelten „Symptom“, vom lebenslangen Einnehmen von Hormonen über Schmerzen beim Wasserlassen bis zum Verlust der sexuellen Erregungsfähigkeit oder andere sexuelle Beeinträchtigungen.

Die Belastung von intergeschlechtlichen Menschen während und nach den Eingriffen wird am Beispiel der Behandlung des „Adrenogenitales Syndrom“ (AGS) deutlich. Säuglinge haben AGS, wenn die Erscheinungsform ihres äußeren Genitals "zwischen" Klitoris und Penis ist, also je nach Betrachtungsweise eine „vergrößerte Klitoris“ oder ein „Mikropenis“, und sie eventuell zusätzlich eine „zu kleine“ oder zugewachsene Scheidenöffnung haben. Ganz nach dem Chirurg*innen-Motto „It's easier to dig a hole than to build a pole“ ("Es ist einfacher, ein Loch zu graben als einen Mast zu bauen") werden die meisten Säuglinge und Kleinkinder mit AGS verweiblicht. Dazu wird die Klitoris teil-amputiert und je nach Beurteilung eine „Neovagina“ geformt. Wie sich daran erkennen lässt, spielt bei geschlechtsverändernden Operationen die heterosexuelle Funktionsfähigkeit der Genitalien eine zentrale Rolle. In diesem Beispiel soll also die intergeschlechtliche Person nach den verweiblichenden Behandlungen penetrierbar sein – andere Möglichkeiten der sexuellen Entfaltung außer Vagnialverkehr spielen keine Rolle.

Die geschlechtsverändernde Behandlung hat sich aber mit einer Operation nicht getan: Im Kindesalter durchgeführte "Vaginalplastiken" müssen oft regelmäßig gedehnt werden, was für die Betroffenen eine sich wiederholende und oft traumatisierende Gewalterfahrung darstellt. Ständige gynäkologische Untersuchungen, Blutproben und vieles mehr machen intergeschlechtliche Kinder und Jugendliche weiterhin häufig zu Versuchsobjekten der Medizin. Währenddessen erfahren intergeschlechtliche Personen meist nichts über den Grund der ständigen Behandlungen, um die Entwicklung einer eindeutigen Geschlechterrolle nicht zu gefährden. Jahre später und oft nur durch Zufall erfahren die Betroffenen über ihre früheren geschlechtsverändernden Behandlungen und selbst dann wird die Einsicht in die eigenen medizinischen Akten oft verweigert oder von Seiten der Mediziner*innen aktiv blockiert.

Gleichzeitig verweisen Mediziner*innen immer wieder auf eine aktuelle und zukünftige Verbesserung der Techniken und Behandlungsergebnisse, jedoch werden dafür weder Beweise geliefert noch wird auf die grundlegende Kritik von Inter*Verbänden an geschlechtsverändernden Operationen eingegangen.

Letztendlich muss man feststellen, dass Geschlechtsveränderungen an intergeschlechtlichen Säuglingen und Kindern einen elementaren Eingriff in die Menschenrechte dieser darstellen: Besonders die irreversiblen, kosmetischen Operationen in den ersten Lebensjahren verletzen das Recht auf körperliche Unversehrtheit und das Recht auf Selbstbestimmung massiv.
Weltweit und auch in Deutschland finden also regelmäßig und seit mehreren Jahrzehnten systematisch Menschrechtsverletzungen an intergeschlechtlichen Personen statt. Höchste Zeit für öffentliche Aufarbeitung, Entschädigung und ein entsprechendes Verbot von geschlechtsverändernden Operationen.



-> Artikel aus der neuesten Ausgabe der "out!", Verbandszeitschrift des queeren Jugendnetzwerkes Lamda. Diese beschäftigt sich explizit mit dem Thema Inter* und ist sehr empfehlenswert: http://www.lambda-online.de/index.php/aufklaerung/out.

Sehr lesenswerte Materialen zum Thema Inter* bietet außerdem die deutsche Vertretung der Internationalen Vereinigung Intergeschlechtlicher Menschen (IVIM) | Organisation Intersex International (OII Germany).


Forderung des CSD Erfurt 2017:

Geschlechtsverändernde OPs und Behandlungen an intergeschlechtlichen Säuglingen und Kindern verbieten!

Seit den 1950er Jahren finden weltweit und auch in Deutschland geschlechtsverändernde Operationen an Säuglingen und Kindern statt, welche nicht der zweigeschlechtlichen Norm entsprechen. Das Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Menschen wird dabei nicht nur ignoriert, diese Eingriffe verursachen oft schwerwiegende physische und psychische Schäden. Dabei sind geschlechtsverändernde Operationen für das körperliche Wohlbefinden der behandelten Menschen in den allermeisten Fällen überflüssig. Wir fordern daher ein sofortiges Verbot aller geschlechtsverändernden Operationen und Behandlungen an intergeschlechtlichen Säuglingen und Kindern, soweit diese nicht dringend für das Wohlbefinden der Personen nötig sind!

Unseren gesamten Forderungskatalog findest du hier.


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